»Nur der Freie liebt Freie.«

»Für Dichter werbe ich«

Uwe Dick, ein dichtender Einzelgänger und ein Sprachkünstler ohne Konkurrenz, schreibt seit Jahren gegen die Tyrannei literarischer Moden.

von Matthias Part

Die Sonderausgabe »Uwe Dick« unseres Mitteilungsblattes »Na bitte!« können Sie hier in digitaler Form downloaden (PDF).

Zwei große Säle in der Münchner Residenz wurden zu klein, um weit mehr als tausend Hereinströmenden Platz zu bieten, die im vergangenen Dezember dabei sein wollten, als Uwe Dick den mit 15.000 Euro dotierten Jean-Paul-Preis bekam. So einen Andrang hatte es noch bei keiner Literaturpreisverleihung gegeben. Das musste selbst der bayerische CSU-Kultusminister Thomas Goppel bestaunen. Am 15. April 2008 trat Uwe Dick mit Michael Lentz im Salzburger Literaturhaus auf. Davor nahm Uwe Dick sich Zeit für ein Interview.

SN: Wie passt das zusammen, dass Sie in München schon lange nicht mehr vor Publikum lasen bzw. rezitierten, die Zeitungen Ihre Bücher nicht besprechen, Sie den Ruf haben, ein Schwieriger und Einzelgänger zu sein … Und dann drängen plötzlich so viele Leute Ihretwegen in die Residenz-Säle und Sie bekommen Standing Ovations?

Dick: Vielleicht, weil die Wirkungsgeschichte sprachlicher Kreationen nicht mit populärer Resonanz zu verwechseln ist. – Vielleicht aus Dank für 40 Jahre lustvollen Widerstands gegen die Tyrannei literarischer Moden, sprich: serielle Billigtristik, gegen die Regentschaft der Phrasen, legos statt logos!, DES-»Informations-Zeitalters«, gegen Neusprech, medialer Meinungsterror, das ist heute Political Correctness.

SN: Keiner habe den Jean-Paul-Preis je so verdient wie Sie, meinte Laudator Michael Lentz, der Sie zu seinen Lehrmeistern zählt. Ist das nicht eine verwegene Behauptung, wenn man dran denkt, dass diesen renommierten Preis ja auch schon Größen wie Friedrich Dürrenmatt, Sarah Kirsch und Co. bekommen haben?

Dick: Nun, das begründet Michael Lentz in seiner Laudatio. »Verwegen«? Nicht für Leser, die meine Gespräche – auch! – mit Jean Paul kennen, aber mehr noch meine ethischen und poetologischen Konsequenzen aus der Weltschau dieses Dichters, dessen Definitionsmacht, Traumkraft, epigrammatische Präzision sogar in weit schwingenden Sätzen, politische Hellsicht, Witz und Tiefsinn all denen lächelnd spottet, die seine Universalien aufs Schulmeisterlein Wutz verspitzwegten, altfränkisch verfachwinkelten. Zu verhornt für Visionen und zu dumm für den »Clavis Fichtiana« oder die »Vorschule der Ästhetik«.

SN: »Und immer wieder Jean Paul« betitelt sich Ihr Programm heut Abend im Eizenbergerhof. Von ihm heißt es, der sei in Zeiten wie diesen zu kompliziert zu lesen. Man hört z.B. Lehrer klagen, dass sie schon froh sind, wenn ihre Schüler Patrick Süskinds Bestseller »Das Parfum« schaffen. Wie sollten diese dann einen »Siebenkäs« oder »Titan« meistern?

Dick: Unser Programm! Michael Lentz nicht zu vergessen! – Jean Paul »kompliziert«? Für Flachköpfe, ja. Im Gewohnheitsrecht der dasigen Legasthenokratie müsste unsereins – nach Gebrauch eines Relativsatzes – ohnehin mancher Klage auf Körperverletzung gewärtig sein, schützte uns nicht die geistige Wehrlosigkeit dieser Opfer kollektiver Selbstverstümmelung.

SN: Ihr neues, bei der edlen ASKU-PRESSE veröffentlichtes Buch »Marslanzen. Vasallen recht sein muß« wird’s wohl schwer haben, ein Bestseller zu werden. Sie trauen Ihren Lesern darin ja wieder einiges zu. Formal wie etwa die Paraphrase eines Hölderlin-Gedichts. Aber auch inhaltlich wie Ihre Ansichten zum Balkankrieg.

Dick: Bestseller interessieren mich nicht, aber Festseller, idealiter Sprachfestseller. Nicht gedruckte Konversation, Faadfood. Dichte statt Dauer – abstruser Wortverbrauch. Überdies: Die Mund-zu-Mund-Beatmung von Eintagsfliegen gebiert keinen Wundervogel. – Richtig: Ich nehme jeden Leser ernst, traue ihm viel zu. Wenn ihm das eine Zu-mutung ist, darf ich ihn wohl bedauern. – Der römische Feldherr hatte die Marslanzen zu schütteln, bevor’s in den Krieg ging. »Marslanzen« schrieb ich, ein Kriegskind, Jahrgang 1942, absolut wider Willen: ein Denken in Stimmen. Im Geheul der Medienmeute, im Hallraum moderner jugoslawischer Poesie und balkanischer Festkultur; es sind die Wortwege eines Waldläufers, Traumprotokolle, Bildersequenzen und Dialoge ungezählter Reisen seit 1965 durch Südosteuropa. Zuletzt im Fluch einer erneuten Militarisierung deutscher Außenpolitik, die nicht möglich wäre ohne die – nichts ist vorbei! – Willfährigen der Schurkenstaatsräson und der »humanitären Panzerfisten«.

SN: Sie schreiben so viel vom Krieg und so wenig von der Liebe. Warum?

Dick: Dieses Nein zum Krieg ist Liebe!

SN: Apropos Liebe: »Nur der Freie liebt Freie«. Das ist doch ein Grund-Satz Ihrer »Sauwaldprosa«?

Dick: Ja. Und es ist ein Satz Jean Pauls, den die wenigsten kennen – oder zu leben lernten. Unter Freiheit verstehen knechtselige Kriecher allenfalls das Beliebige. Bis unters nächste Kriecherdenkmal.

SN: Nicht nur in diesem seit Jahrzehnten anwachsenden »work in progress« werben Sie ja immer wieder für andere Literaten. Ihre lange Liste reicht von A wie Achmatowa bis Z wie Zanzotto. Wen empfehlen Sie in Ihrem nächsten Buch?

Dick: Für Dichter werbe ich. Auch für »Helden« der Zivilcourage. »Literaten« meide ich. Was im nächsten Buch geschehen wird, weiß ich nicht. Zuerst einmal soll es mich überraschen! Derzeit sinds … Einwortromane.

Erschienen in Salzburger Nachrichten am 12.04.2008
Der Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Salzburger Nachrichten

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