»Schon vielen ist die Fähigkeit zu besonnenem Denken abhandy gekommen.«

Eine WALDKABBALA wider das Finito

Sven Uftring, Verleger der ASKU-PRESSE, im Gespräch mit Uwe Dick

Die Sonderausgabe »Uwe Dick« unseres Mitteilungsblattes »Na bitte!« können Sie hier in digitaler Form downloaden (PDF).

»Alle großen Werke der Literatur – so das Diktum Walter Benjamins – begründen eine Gattung oder heben sie auf. Die SAUWALDPROSA bestätigt diesen Satz – und führt ihn ad absurdum, indem sie nämlich eine Gattung begründet und aufhebt: work in progress; nun schon in der vierten, nimmt man POCHWASSER hinzu, in der fünften Fortschrift. Die wünscht keine Gebrauchsmuster, sondern ebenbürtige Leser. Ihre einzige Heldin ist die Sprache.«

SU: Gut beobachtet; sollte hier mal jemand vor dem Schreiben gedacht haben? Oder sind Ihnen auch diese Sätze zu eng für das in Jahrzehnten gewachsene »Wortwurzelwerk«, Herr Dick?

UD: Nein. Denn das germanistische Schub-, Bauch- oder Hosenladenkriterium – »Gattung«! – sehe ich ja bereits abgefertigt. Die Vögel des Sauwalds pfeifen überdies auf sekundärliterarische Jogger nicht weniger als auf Oasenverkünder, Lakaien der Langeweile, mumifizierte Familien und ihre weltanschauliche Diskriminalpolizei: das Spielen der Kinder ist streng untersagt! – mit vollem Munde kaut man nicht! – beim Ausatmen tief einatmen! pp.

SU: In den wenigen Zeitungsartikeln, deren Verfasser nicht nur die Plapperschlange fütterten, stockdumm oder fahrlässig uninformiert, halten sich die Rezensenten – bei Ihrer Person auf …

UD: … die sie nicht kennen. »Menschenfeind«, »Wahnsinniger«, »militanter Außenseiter« … steht dann zu lesen. Nur weil sich herumgesprochen hat, daß ich nicht das »Lob der Herrenrasse« singe.

SU: Siehe »Na bitte!, Sonderausgabe Uwe Dick«. Der Mühe, wenigstens ein paar Eigenschaften Ihrer sprachkünstlerischen Arbeit zu schildern, unterzog sich – in 35 Jahren – kaum einer der ungezählten »Informanten«.

UD: Tja, die meisten von ihnen sind objektiv faul.

SU: Doch auch ich gerate in Formulierungsnot vor der Frage: »Was schreibt der denn so?«

UD: WIE?, dürften Sie zurückfragen, um Zeit zu gewinnen für die Antwort.

SU: Etwa …

UD: Uwe Dick, den »Duckdeutschen poeta non grata« aus Passion (sie verstehen ihn gut, aber nicht gern), glaubt an die Optimierung des Denkens durch Witz.

SU: Stets auf der Lauer nach dem Unvorhersehbaren, vernetzt er Quintessenzen …

UD: – Ja, »A Quintessenz is a Essenz, de ma quint, wemma lang gnua nochdenggt.« – … und versteckt Epigramme en masse in den Partituren seiner Klangwerke.

SU: Was nun die SAUWALDPROSA betrifft, … so ist sie jetzt ein kristallines Tag- und Nachtbuch, …

UD: … reich an Fenstern voller Spiegelungen und scharfer Splitter, Gegenweltentwurf, Zitatenpantheon, Totenführer, autobiographisches Szenarium, Grobiansidiotikon, … aber auch Katastrophenschrift, Dichtung des Zorns und Poetik …

SU: … als ob die Sprache sich befreie zu ihrer eigenen Triebgeschichte? Sogar einen Roman birgt das Erlebensbuch, diese Wanderersonate immer neuer Abzweigungen, komponiert aus dem Motiv-Dreiklang SAUWALD und PROSA. – Gewiß nicht für jene, denen Sie das Bonmot widmeten: »Schon vielen ist die Fähigkeit zu besonnenem Denken abhandy gekommen.« Dennoch höre ich weiterfragen: WAS aber ist die S…………?

UD: Ein Polylog mit Göttern, Propheten, Leitfiguren, Grüblern, Einfältigen. Eine creatio continua, reich an Stachelreden, Briefen sine nomina, Phonographien, Assoziationsjagden, Metaphernkollisionen, philosophischen Diaboliaden, narrativen Aphorismusketten. Der Spaß lurt im Schrecken. Die Radikalisierung des Augenblicks ignoriert jedes »Wir-hier-meinen« (Stalins und seines Nachtrabs heute), scheut auch nicht das Stigma einer »Irrealität«: Selbstzurücknahme statt Selbstüberhebung.

SU: Zeilenkilometerfresser mögen stöhnen: Uuuhweh, was für’n Dickicht! Leser jedoch, die zumindest ahnen, daß auch Wörter ihre Biographien haben, dürften eine Waldkabbala ohnegleichen entdekken. Im rhythmischen Einklang von Handlung und Sprache. Begünstigt von einem widerständischen Leben, von seinen zartesten und stärksten Energien.

UD: Aber ohne die Ablaufmechanik linearen Erzählens. Jeder kann beliebig kreuz- und querlesen, seinen Sauwald erkunden, in jener völligen Freiheit des Abirrens, die selbst ein Rendezvous der Ungehörigkeit nicht scheut, in diesem Bannwald gegen die Schlawinen und Müllmuren des Zeitgeists, gegen den Unterhaltungsfaschismus einer zynischen Medienstrategie, die darauf aus ist, den radikalen Egoismus mithilfe niedriger Instinkte zu potenzieren: Spaßkultur für den Mob von Asphaltgehirnen, Ehrennasen, Windschnittschnuten. Bier- und Blutlache. Auf daß Idiopas Amokwirtschaft obsiege, diese internationale bomb-dancing-cooperation, deren Gefolgschaft ihr verwürgtes Recht – »Unser-täglich-Blut-gib-uns-Meute!« – beansprucht. Bis hinein ins gmiatliche »Hoamatl«, unter einem weiß-blauen Himmel, aus dem es nicht nur sonntags verfaulte Zähne regnet. Und zum übergeschnappten Hysterisch eines Ministerpräsidenten, den der Filz behütet und eine kreuzbrave Heimwehr: De meistn vo’ uns, dees woaß ma doch, hom nix gegn Rauslända!«

SU: Nachdem man Sie – in den 60er- und 70er-Jahren – nicht totschweigen konnte, gehören sie heute zu den bestgehaßten Bürgerrechtlern in Bayern. Auch die meisten Rezensionsbeamten …

UD: … begrüßen den Sonnenschein, wo er jäh auf ihre Selenzellen trifft, mit vehementem Niesen. Desgleichen umfliegt Rotz den Autor einer unerwartet lichtvollen Darlegung.

SU: Sie »liefern« weder staatserhaltende Romane, noch Kuschellyrik, sondern schreiben (= bleiben) ein »Partisan des Poetischen«, unberechenbar. Auch die Publikation der SAUWALDPROSA zeigt keine lineare Entwicklung.

UD: Ja, schon ob der krummen Wege, auf denen mir zwei »renommierte Verleger« kamen.

SU: Einschließlich der ersten Ausgabe (1976) und einer Fortschrift bei Ehrenwirth (1978), hielt keiner der vier Herausgeber die unverwüstliche Erfolgsgeschichte der SAUWALDPROSA durch, …

UD: … deren Potential und Eigendynamik sich bereits im Nachstell-Vorwort ankündigten, dieser Postludiumsfuge über einem Fußnotenmurki zu Ehren Jean Pauls. Gut genug für sieben oder dreizehn Wachstumsschübe.

SU: Das erwies sich …

UD: … als Manfred Kluge – »Namen saan Schicksal« – mich fragte, ob er die SAUWALDPROSA zum Start der Taschenbuchreihe Neue Literatur (1981), dem Pendant zur Heyne Lyrik, in der mein Gedichtband DAS ECHO DES FUNDAMENTSCHRITTS herauskam, bringen könne. Die Vorauszahlung stimmte, und pünktlich erhielt er 2 x 13 Taschenbuchstaben zur Weltformel. Im Kopfe fertig, wie so vieles, für das noch keine Bestellung vorliegt, hatte ich das Erwünschte »nur« gestaltend zu veräußern. Unaufgefordert schreib ich seit einem Vierteljahrhundert allenfalls Gedichte.

SU: Ein Gastspiel bei Piper (1987) …

UD: … war dem weiteren Vorrücken des Sauwalds dienlich. Die üblichen Buhrufe aus dem Blätterwald, das Johlen der Treiber und Spießer, die den Jagdherren zuarbeiten, schreckten den Sauwaldeber nicht, wohl aber den Jungverleger, der ihm prompt eine Trittfalle legte. Das war sogleich mein »Aus!« (ich zog ihm ein Buch aus der Produktion) – mit einem Drudenfuß, dessen Macht sich nach genau so vielen Jahren zeigte, als er Zacken hat.

SU: Und im Falle des Ranft-Verlags kam es nicht einmal zum Druck (s. Briefwechsel S. 450–474, SAUWALDPROSA 2001).

UD: To je normalno – in einer verrückten Welt. Zumal in dieser pseudonymen Kultur der Schieber und Schleicher. Die meisten Verleger, die unangepaßte Literatur, wenn überhaupt, dann so verlegen, daß sie niemand findet, wagen fast immer nur »Probierauflagen« (Jean Paul).

SU: Die erreichten aber – nicht ohne Ihr Zutun als Rezitator – einige Zehntausend.

UD: Ja. Unter ihnen bewundernswerte Leser. Mit einem Resonanzgedächtnis wider das finito. Nicht virtuelle Menschen, sondern radikale Konservative, angeödet vom Gedrucks der medial organisierten »Gesellschaft kleiner Geister in Deutschland«, lies: Lehrlügen, Hofkommunikäs, Kopienkackerei …

SU: Abgesehen von den verschiedenen Ausgaben, die der MONOLOG EINES RADFAHRERS zeitigte, und die »Sexualpathologie zwergdeutscher Flintenmänner«: DER JÄGER VOM KNALL – autonome Satzwerke gleich dem mehrmals nachgedruckten »Maskentreiben« IHRER HOHLHEIT VERLÄSSLICHER STIRNSTOESSEL oder Ihrer Arno-Schmidt-Kolumne: VOLXSCHRIFTSTELLER – schufen Sie auch in den 90ern überraschende Teilkompositionen für Das eine Buch, die SAUWALDPROSA!

UD: Vielfalt statt Einfalt, und manches auf Bestellung; das darf mich freuen. Das Leben ist zu schade für bezahlte Mechanei. Einem Literaturbetrieb für kulturell getarnte Raubaffen, Bratenjungfern, Sozialbanditen, Grindsalber, Buckelmennel, Soldatenmütter … hab ich mich nicht anzudienern – mit Wortbrei, mundfertig, maulgerecht für die zahnlose Mehrheit. Auch den ondolierten Mundgeruch bauchansetzender Schmähzensenten und den Dünkeldunst von Akademien, deren Bildungsschicht »vornehmlich« Kalk ist, meide ich.

SU: Arbeiten die Verleger zu stereotyp für (oder gegen?) einen Autor, der – mindestens – sieben Autoren ist? Paßt »so einer«, der den »indoeurobairischen« ÖD schreibt und JANUSAUGEN, den CANTUS FIRMUS FÜR SOLISTEN MIT PFERDEFUSS und einen CANTO FÜR EZRA POUND ins Sortiment, ist er der »Lesefutter«-Industrie zumutbar? Oder sollte das Prädik(t)at »Ein schwieriger Zeitgenosse« – gegen all meine Erfahrungen mit Ihnen – auch der Nachruf bleiben?

UD: Die Welt zu kontern bin ich da. Jene zu stören, die sich’s mit allem und jedem kriminell »einfach« machen. »Satzmann« bin ich, Zeuge. Einspruchskünstler. Gegen die beutige Mehrheit, die bei gewissen Schwierigkeiten »ums Verrecken gern« einfach draufhaut, sozialisiere ich meine – und andrer Bürger Neinsagekraft. Unangepaßter Überlebenstrotz gehört zu meinem professionellen Selbstverständnis, egal, ob gedingte Intellektuelle das begeifern oder moralische Drückeberger, die sich in der Religion, gern auch noch hinter ästhetischen Bedenken verstecken. Nur der Freie liebt Freie! Folgsamer Feigheit ist bereits ein Humor, der mit den Zähnen knirscht, »zu viel«, ein Stilblüten und Redeblumen fressender Sauwald-Basilisk aber »ungeheuer«.

SU: Die deutsch-österreichische oder die bayerisch-sächsische Zukunftskommission plant gewiß keine Volkswandertage durch den Sauwald. Doch nicht, weil das Gelände »zu schwierig« ist, sondern weils keine Trampelpfade gibt.

UD: Und weil er – geo-logisch! – der Vorstellung, es gäbe eine absolute Zeit, den Garaus macht. »Schwierig« für Leute, denen Zeit nur noch Schnelligkeit ist. »Schwierig« für die galoppierende Hilflosigkeit, deren Sinne, fastfood-geschädigt, fast foodsch sind. Reicht man ihr einen gut durchgebackenen, knusprig-krustigen Sprachlaib, tut ihnen nach dem ersten Bißchen ’s Zahnili wackeln und ’s Gaumili bluten. Welche Zumutung!

SU: Wie alle Perspektivwechsel, Brüche, Sperrriegel, unheimlichen Bereiche des Sauwalds, seine Plötzlichkeiten (»Plötz« = der Hauer des Ebers, las ich), wie das lungenpfeiferische Auf und Ab, das viele Unbekannte, oft (und gern) Verdrängte, bis in die kristallinen Gedichte und ihre klingende Stille.

UD: Sylvae horridae? Nur für Bequemlinge, Faulköpfe. Das auszusprechen, »verbietet sich« der König Kunde. Aber nicht mir. Taub ist Seine Majonäsität für den Sternschnuppenschrei, blind für die Ornamente des Windes. Kurz: wo ich die Leser für voll nehme, achte, ihnen etwas zutraue, erreicht mich oft die Beschwerde, daß ich ihnen unverschämt viel zumute. Eine einzige Querantwort, ja schon der Dreisatz: »Die wenigsten kommen blöd zur Welt. Sie werdens dann nur. Aus Bequemlichkeit«, und sogar intelligenten Nützlingen des kategorischen Stümperativs entgeht die sprachliche (= soziale) Qualität eines Buchs. Wie wärs denn mal mit einer Kritik des Publikums? Nimmer lang, dann wird, wer dem regierenden Kollektivsinn außerordentlicher Selbstverblödung einen Relativsatz zumutet, wegen Körperverletzung angeklagt. (Die Bosse der Konzernokratie seh ich grinsen: deutsche Leitkultur!)

SU: Das Führerdeutsch feiert Auferstehung. »Wer Sprache nicht will, der blöke als Stimmvieh sein Heil!« – schrieben Sie vor einem Jahrzehnt. Und vor mehr als 25 Jahren in der ersten SAUWALDPROSA: »An die Wand gestellt vom Monster Mehrheit. Noch ein Ruck, dann wird er festgenagelt sein vom völkischen Zeigefinger, der auf ihn zielt, einen phallischen Schatten werfend ins Graue. Weißbart, wo ist dein Judenstern? Du hast keinen? Du bist kein Jude? Ah, das tut nichts zur Sache, Tatterchen. Es wird sich wiederholen. Unter anderen Vorzeichen.« – Unangenehm »deut(sch)lich« für Mitmacher, Mitläufer, Mitmarschierer und … Zuschauer links wie rechts …

UD: Daher meine »Schwierig«keiten! Sei’s drum. Kein Hochverrat ist niederträchtig. »Um die Welt zu verändern, muß der Gedanke zunächst das Leben des Menschen ändern, der ihn denkt. Er muß sich in ein Beispiel verwandeln«, lehrt Camus.

SU: Die SAUWALDPROSA – vieldeutig, aber nicht verwirrend, lehrreich, aber nicht belehrend – ist auch ein Buch der Beispiele.

UD: Und schon lange vor der »Hochzivilisation«, übersetze: High-Tech-Barbarei, sagte und lebte Ossip Mandelstam: »Heutzutage müssen Gedichte Zivilcourage ausdrücken.« Für die Prosa gilt mir das gleichermaßen. Poesie ist unteilbar. Sie wagt das Unmögliche – und stößt auch mal einen Tisch um, an dem »literarische Feinschmecker« Delikatessen schlampfen: in Burgunder eingelegte Angst, flambierte Skrupeltörtchen mit ’nem Schuß Betroffenheit, und als Dessert kandierte Lippenschaumröllchen, womöglich mit einer Idee Kognak. Pfuideibel, diesem Guten Geschmack! Und einen Sauwaldeberfurz in die Fauna der Snobs!

Erschienen in »Na bitte! – Sonderausgabe Uwe Dick«

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