»JourNullisten lesen meine Bücher nicht …«

Biographie statt Karriere

Ein Interview mit Uwe Dick

von Matthias Part

Die Sonderausgabe »Uwe Dick« unseres Mitteilungsblattes »Na bitte!« können Sie hier in digitaler Form downloaden (PDF).

Die Einheit von Leben und Werk wird viel beschworen, aber selten praktiziert. Uwe Dick ist diesbezüglich eine Ausnahme. Er lebt, was er schreibt. Mit dem 60-jährigen Dichter sprach Matthias Part bei den Rauriser Literaturtagen 2003.

Ob in Wasserburg oder Brannenburg am Inn oder derzeit zu Perlesreuth an der Ilz im Bayerischen Wald: du lebst abseits der – wie du sie nennst – »Zuvielisation«. Wäre es dir in Industriegebieten oder Millionenstädten möglich, Gedichte zu schreiben?

UWE DICK: Im Walzwerk oder an einer Hydraulikpresse? – Eine unsinnige Konzentrationsübung! In London oder in Paris hingegen könnte ich jederzeit arbeiten; dort gibt es ja auch ruhige Viertel, Bäume, Gärten, Wasserwelt. Im Übrigen komponierte ich mancherlei auf den Hebriden, in Wales, Venedig, Istrien, Serbien … oder zu den vieltausend singenden Meilen während meiner Radfahrten.

Seit nun schon 20 Jahren erlebe ich dich als Revolutionär der besonderen Art. Und du hast ja auch schon mal den Bau einer Schnellstraße verhindert, hast mitgeholfen, die »Erste Kindersprechschule Deutschlands« aufzubauen usw. Aber weicht deine Revolution – angesichts von fortschreitender Naturzerstörung oder Irak-Krieg – notgedrungen der Resignation? Wobei die Resignation – frei nach dem von dir hoch geschätzten Johann Nepomuk Nestroy – ja die sympathischste aller Nationen ist.

UWE DICK: »Daß ich verzweifelt bin, was geht's mich an?« (Günther Anders) Seit 1969 lebe ich ungebrochen lustvoll meine Maxime: »Wenig verbrauchen, um wenig verdienen zu müssen« (Ludwig Marcuse) »Unmööög-lich! Tönt der duckdeutsche Chorus. – Meine Antwort?: »Glatt widerlebt! ... 33 Jahre schon.«

Warum nur leben so verdammt viele Menschen – um ein Zitat deines »Öd« zu gebrauchen – »ausm Kaufhaus« und nicht »ausm Hirn«? Ist das die pure Bequemlichkeit? Und wenn ja: Ist die Poesie ein Mittel, um dagegen anzugehen oder wenigstens anzuschreiben?

UWE DICK: Kein Mittelchen, kein Pülverchen! Sondern Selbstentwurf und -gestaltung, ständige Lern- und Korrekturbereitschaft, die Kunst, mich und andre zu überraschen, Verweigerung angesichts des Absurden (etwa der Ungerechtigkeit), doch Zustimmung zur menschlichen Natur, um zu schaffen, was wir sind. Kurz: Biographie statt Karriere!

Du hast eine »Biographie ohne Ich« geschrieben und betonst immer wieder, dass es das Schönste für dich ist, wenn dein Ich verlöscht und du in den Bäumen oder Wolken verschwindest. Und doch werfen dir vor allem Journalisten bzw. Literaturkritiker vor, du würdest dich zu sehr in den Mittelpunkt stellen. Wie erklärst du dir diese Kritik der Journalisten, zu deren Zunft du vor etwa vier Jahrzehnten ja selbst mal gezählt hast?

UWE DICK: JourNullisten lesen meine Bücher nicht, ebensowenig die Stiefgesichter des Rezensier- und Feimerwesens. Möglich, dass den Medienlakaien meine »Politik in der ersten Person (Einzahl)« – wie Eva Hesse sie beschrieb, und Pierre Bourdieu kommentierte – missfällt; genealogisch: A Nulla hot oiwei Angst, dass' bei eam duachziagt! Aber ein Millionen-Kollektiv von Nullen … gibt Null – und deren Nullbock kann mich nicht hindern, »… die Summe der Freiheit und Verantwortung, die in jedem Menschen und in der Welt verborgen liegt, zu vergrößern.« (Albert Camus)

Du hast Freunde in Serbien, Ungarn, Österreich, in den USA und sogar in Deutschland. Aber dein Leben und Werk lässt keinen Zweifel daran, dass dir Tiere und Pflanzen allemal lieber sind als Menschen. Warum bist du – wie du in deiner Odyssee für Cello und Trompete sagst – einer, »der schon als Bub zu Frosch und Igel überlief«?

UWE DICK: Den religiösen, intellektuellen, saturierten, parteienverblödeten, blutrünstigen, phantomfickrigen, geldgeilen, familienegoistischen Mob verabscheue ich. Um so freier bin ich für Freundschaften mit Pflanze, Tier und Mensch.

Ich kenne nur wenige Dichter, die für ihre schreibenden Kolleginnen und Kollegen so viel Werbung machen wie du. Deine Empfehlungsliste reicht von Achmatowa, Beer und Canetti bis zu Wollschläger und Zwetajewa. Zugleich weiß ich kaum jemanden, der so konsequent bis ins sprachliche Detail nachweist, wie viel Unsinn in miserablem Deutsch geschrieben und auch verlegt wird.

UWE DICK: Tja, die Verblödungsindustrie liefert geistige Hamburgers, Feuilletonicwater, AntiRheumalyrik, Politbräu, philosophisches Doublebubble … Das alles verdient nur ein »Spottbewahre!«, keine Jeremiade! – Dennoch gilt: »Da wir uns allein durch das Wort verständigen können, verrät, wer es fälscht, die Gesellschaft« (Montaigne). Und kein Psychodesigner kanns wegtherapieren: Ein Mensch verkommt zuerst in der Sprache, dann in der Lebensweise. – Meine Devise ist die Radikalisierung des Augenblicks, Revolte, die Autonomie der Wörter, logos statt legos, … die Weigerung, Ideen und Utopien zu predigen, die keiner je am Leben geprüft hat. Solche Sprachkritik ist Sozialarbeit, – unter Spiel und Verwandlung sogar lustvolle Sterbehilfe.

Dein »Öd« ist längst ein – im doppelten Wortsinn – dramatischer Klassiker der bayerischen Moderne. Deine »Sauwaldprosa« ist dein »Ulysses«. Und dein Hörbuch, das anlässlich deines Sechzigers vor kurzem bei Residenz erschienen ist, versammelt Gedichte aus 33 Jahren. Aber du führst mit deinem Werk germanistische Gattungsbezeichnungen wie »Lyrik«, »Epik« und »Dramatik« ad absurdum. Ist diese Aufhebung der literarischen Gattungen ein gewolltes oder ein zufälliges Ergebnis deiner Poesie?

UWE DICK: Wie für Pablo Neruda gilt mir der Satz: »Ich weigere mich, Theorien zu kauen!« Lieber gestalte ich Lyrik auf epischen Bahnen, diabolische Logorhythmen, Assoziationsjagden, Prosagewitter, epigrammatische Cluster; Echophantasien, Kontertänze, hier eine Trauerspielkomödie, dort ein Zyklon magischer Verwünschung, dessen Wirkmächtigkeit schon mancher unterschätzt hat. Ergo: Dort kreischt die Elster der Geschichte, anderswo legt sie ihre Eier. Wer das weiß, den bekümmern weder Schnackenlob noch Muckentadel und schon gar nicht die kategorischen Stümperative etwelcher Fachköpfe, Schubladenhüter und Nettikettenschlecker.

Pariser Schulkinder haben dir in einem Brief Fragen gestellt wie »Was siehst Du in den Sternen?« oder »Was ist Schönheit in Deinem Leben«? Und du hast daraus eine Poetologie gestaltet! Daher erlaube ich mir diese letzte Frage: Hast du schon den Rauriser Sonnblick entdeckt?

UWE DICK: – So'n(n) Blick in die (geo-Iogische) Zeit vor und nach uns mag Bescheidenheit lehren: Du im Heute / ach wie alt / gestern schon!

Erschienen in SALZ – Zeitschrift für Literatur, Heft 111, 28.03.2003
Der Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung von SALZ.

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