»Biographie statt Karriere.«

Optimierung des Denkens durch Witz

Ein schriftlich-mündliches Interview mit Uwe Dick

von Hanne Knickmann* und Gunther Nickel**

Die Sonderausgabe »Uwe Dick« unseres Mitteilungsblattes »Na bitte!« können Sie hier in digitaler Form downloaden (PDF).

[Wir veröffentlichen hier das vollständige Interview, das in VOLLTEXT um die grau markierten Passagen gekürzt wurde.]

Prolog, telefonisch:
UD: Habts eian Schliwo scho offn? Dann kemma offanga!

(1) Herr Dick, den Öd, Wirthausphilosoph aus Ihrem vor rund 20 Jahren erschienenen Bio-Drama eines Amok denkenden Monsters, lassen Sie einmal sagen: »Wemma frogn deaf: Bei wem lossn Sie dengga?« In Ihren Werken, allen voran in der Sauwaldprosa, haben seither viele Dichter und Denker ihre Spuren hinterlassen …

… die Spuren hab natürlich ich hinterlassen.

… Karl Kraus, Nestroy, Lichtenberg, Jean Paul – aber auch Arno Schmidt, Ezra Pound, Chlebnikow, Andrea Zanzotto – um nur einige zu nennen. Diese Mischung läßt aufhorchen. Wo werden die Werke dieser Poeten für Sie produktiv?

Werke? Nein. Aber Sätze. In einem Prozeß von Spruch und Widerspruch. Bis ihr Wie und ihr Was meiner Beobachtung standhalten, stimmig sind und – vielleicht – möglich als Universalien auch für andere Menschen. Seit 50 Jahren im Gespräch mit der Weltliteratur – von Laotse bis Pablo Neruda, von Horaz bis Günther Anders, von Emily Dickinson bis Marina Zwetajewa – prüfe ich, ob sich ihre verlockenden, brillanten, kühnen Worte in den Fährnissen und Ausnahme-Situationen meines Lebens bewähren: Ungedeckte Wortschecks verachte ich; egal, ob von Dichtern, Philosophen, Musikern, Malern, Wissenschaftlern, oder von Mitmenschen des Alltags. Aus meinen Phonographien sprechen sie oft.

(2) Neben einer beträchtlichen Anzahl szenischer und lyrischer Arbeiten – darunter der Monolog eines Radfahrers, Theriak, Das niemals vertagte Leben, Pochwasser, der Cantus firmus für Solisten mit Pferdefuß – ist die mittlerweile in fünf Fortschriften aufgelegte Sauwaldprosa Ihr Hauptwerk. Was erwartet die Leser da?

Biographie statt Karriere. Die Siege und Niederlagen eines Menschen, der – seit 1969 – ernst macht mit der Empfehlung: Weniger verbrauchen, um weniger verdienen zu müssen. Bis in den Abbruch geistigen und materiellen Versorgtseins. Die Folge: Soziale Ächtung. Aber ein Experiment erlangt Beweiskraft nur unter schwierigsten Bedingungen. »Unmöööglich?«, »… geht nicht?« Glatt widerlebt! – Doch vieles mehr ist die Sauwaldprosa; zum Beispiel: Das Lustprinzip im Oberstübchen. Die Autonomie der Wörter, konträr zum Journalismus der Aufgeregten und Blutgeilen, … auch das Erlebnis: Wenn Geschichte im Kopf stattfindet (wo sonst?), gewinnen öffentliche und private Mythologien gleichen Status, will die Sprache sich, den ganzen Raum der Möglichkeiten, Vernetzung in mindestens drei Dimensionen, also keine Ablauf-Mechanik linearen Dichtens und Trachtens. Und weils in der Sauwaldprosa von jeder Zeile aus gleich weit ist zur nächsten Information (= Beobachtung, Metapher, Störung, Bewegungskurve, epigrammatische Dialektik, Sinngebung, Subversion des Fragens, Vokabelargwohn anzumuntern …) mag jeder kreuz- und querlesen wie es ihm beliebt, sich zu verlieren oder zu finden im Anderen, im (hie und da magischen) »Realismus« eines multiformen Kosmodramas der Mitleidenschaft, inklusive kurzweiliger Aufspaltungskomödien.

(3) Bevor Sie in die Literatur wechselten, haben Sie als Reporter und Journalist für Tageszeitungen geschrieben. Dieser Schnitt hat ausgerechnet um 1968 stattgefunden. Zu einem Zeitpunkt, als andere Autoren sich mit Vehemenz politisierten. Wie radikal war dieser Schnitt für Sie wirklich?

Die Zeitungsarbeit kündigte ich auf, weil ich Logos wünsche, nicht Legos. Politisch gläubig war ich nie. Neue Augen brauchen wir, nicht neue (Partei-)Brillen. Ein Journalist bin ich noch immer, am liebsten dort, wo Medienlakeien unisono schweigen, wo Journullisten wirtschaftsfaschistische Imperative apportieren und wo großteutsche Staatsraison die Verbrechen ihrer Drobigen heilügt.

Ein Beispiel?

Das deutsche Serbien muß sterbien! … zum Dritten, 1999! Und noch immer.

(4) Es gab in den vergangenen Jahren immer wieder Versuche, Sie politisch zu vereinnahmen: von links wie von rechts. Wie erklären Sie sich diesen Wunsch von beiden Seiten zugleich?

Rinks und lechts … mit einem Gruß von Jandl! Besonders an Leute, die weder zuhören noch lesen können. Daß sie manchen meiner Sätze auf Transparenten umhertragen (nicht ohne orthographische Fehler mitunter) oder in ihre Arsenalantworten aufgenommen haben, stört mich wenig, wie die Summe meiner Wortkreationen in Texten und Überschriften elender Skribenten. Bestohlen werden kann nur, wer etwas hat; na bitte!

(5) Wer für Ihre Texte Etiketten sucht und sich für »engagierte Literatur« entscheidet, greift zwar nicht ins Leere, aber doch viel zu kurz. Ähnlich ergeht es dem, der an »littérature pure« denkt und dabei nicht zu unrecht auf das Langgedicht Planetarisches Salz verweist. Ein Widerstreit?

Der literarische Ordnungsdienst täuscht sich »absolut sicher«. Mappenweis' Wapperlpapper; in Serie die Etiketten bayrisch, wortgewaltig, kompliziert; inflationär die Nettiketten skurril, kaustisch-köstlich, staatsfeindlich, atheistisch, ökomanisch, bis hin zu dem Vorwurf eigenwillig. (Na, was denn sonst?!): Doch solcherlei »-ketten« halten mich nicht im Lager der Billigtristik, der gedruckten Konversation, der Geschwätzindustrie. Weder belle ich Wachhundprosa, noch warte ich, daß man mir das Wort erteile. Ich nehm’ es mir. Sonst wär ichs nicht.

(6) Den Beruf als Journalist aufzugeben, ist auch ein ökonomisches Problem. Wie haben Sie das für sich gelöst?

Zunächst einmal als Hörspieler und Schausprecher meiner Partituren, aber auch derer von Kollegen. Hin und wieder halfen mir Werbespots aus dem DeZaster, desgleichen private Sprechschulstunden. Heute bin ich Satz- und Gartenbauer; nachgeordnet: Bringt die Sprachkunst nicht Geld genug, gilt es Vitalien zu erarbeiten. Im Zusammenwirken mit meiner Frau. Auch Brennholz sammeln wir und Pilze.

(7) Wie sind Sie denn zur Sprache, zur Literatur gekommen? Gab es so etwas wie ein erstes Leseerlebnis?

Im Anfang steht Karl May. Und dann, aber wesentlich heftiger, Heinz Erhardt. – Ich hatte mir damals, 1952 bis 1955, eine Fluchtkatakombe im Keller eines zerbombten Hauses in Karlsruhe eingerichtet. Dort konnte ich ungestört Erhardts Nonsenseverse lesen. Die haben meine Wortlust geweckt. Bis heute gestalte ich Sprache zu meiner Unterhaltung – auch, um mein Denken, dem ich stets mißtraue, zu kontrollieren – und im Nebeneffekt zu meinem Unterhalt.

(8) Parallel zu Heinz Erhardt entdeckten Sie Jean Paul?

Nein. In Jean Pauls abgrundtiefen Wortmeeren verlor und fand ich mich erst Mitte der 70er Jahre. Zuvor hatte ich aufgrund meiner kriegsbeschädigten Kindheit – siehe Pochwasser – weder Geld noch Zeit für solch umfassende Texte. Erst als Redakteur erhielt ich das eine … und nahm mir das andere.

(9) In den 60ern also?

Ja. Nach sporadischem Schulbesuch. Ohne Mittlere Reife mußte ich froh sein, irgendwo unterzukommen. – Schon als Bub fand ich meine Reime veröffentlicht, sogar honoriert; meine Großmutter hatte sie an Zeitungen geschickt. Das mochte mich verleitet haben, bei der nächstbesten Redaktion anzuklopfen, beim OVB (= Oberbayerisches Volksblatt) in Rosenheim. – Die Gedichtchen seien ja ganz nett, befand der Chefredakteur, aber Journalismus sei doch gaaanz was anderes … Dennoch entschied man sich für mich, und bald erwirkte ich – quer durch die Resorts – unangefochtene Narrenfreiheit. Sogar eine Gerichtskolumne wurde mir eingeräumt. Nebenher bediente ich die Redaktion des Münchner Merkur, Agenturen und Blätter hinterm Weißwurstäquator.

(10) Und da schrieben Sie dann über Literatur?

Zuletzt. Doch zuerst einmal über Mikroporenzement, über Katastrophen des Bürgerkriegs auf unseren Straßen, über deutsche Präzisionsarbeit, etwa nach dem Neubau eines Zentralpostamtes ohne Toiletten, über die Probleme, am Simsee ein Freilandpuff zu betreiben, über Maikäfer im Oktober, über prämierte Rammler, die sich tags drauf als Häsinnen erwiesen, über pinselbayerische Festivitätärätitäten, Trickdiebe, Mariannenerscheinungen … Auch für Theaterberichte aus München oder Fußnoten zu Salzburger Konzerten war ich brauchbar; vermutlich, weil ich kein Honorar für diese gern geleisteten Überstunden verlangte. Hie und da rezensierte ich ein Buch; Verrisse schrieb ich ungern, selten: Denn was schon stürzt, das brauch ich nicht zu stoßen. Etwas zu suchen und begründet zu loben entspricht meinem Naturell schon eher, auch, weil es schwieriger zu formulieren ist.

(11) Es gab Begegnungen, die für Ihr Leben entscheidend wurden; Sie haben noch Ezra Pound kennen gelernt?

Ja. 1971 – während der Beerdigung Strawinskijs in Venedig sah ich ihn. Im Oktober 1972, kurz vor seinem Tod, besuchte ich Pound in der Calle Querina. Im Canto für E.P., 1985 auf der Terrasse des Palazzo Barbarigo am Canal Grande verfaßt, ist diese Station meiner Seh-Fahrten gestaltet; nebst einigem von all dem Vielen, das mich seine Wortkunst lehrte. Richtungsweisend für die Lebenskunst indes wurde für mich mancher Satz von Ludwig Marcuse, wie die Sauwaldprosa zeigt. Auch das Recht und die Freiheit, philosophische Texte jederzeit ins Persönliche zu übersetzen, verdanke ich ihm. Kurz: Nichts wäre ich ohne »die Anderen«. Über die Verstreppen von Majakowskij entkam ich der dasigen Jambenleier, andere, eigene Rhythmen zu schaffen. Velemir Chlebnikow munterte mich an, das unmögliche Wort zu fordern, Klang- und Bildwechsel polyrhythmisch zu dynamisieren. Und so von Dank zu Dank dahin durch zwanzig, dreißig Namen und Werke. – Vielleicht noch wichtiger für mich: Ohne das Beispiel des Malers Leo von Welden hätte ich wohl nicht den Mut zur totalen Künstlerschaft gefunden, die eine unverwechselbare Art zu leben ist, eine Haltung, die eher auf Beobachtung dringt als auf Nutzdenken, eher auf die Frage als auf die Antwort »ohne Alternative«.

(12) Möchten Sie noch etwas zu der Essayistin Eva Hesse sagen, die ja nicht nur Ezra Pounds Werke ins Deutsche übertrug, sondern auch viele Größen der amerikanischen Moderne, Marianne Moore etwa, Robinson Jeffers, E.E. Cummings, T.S. Eliot …

Nachdichtete! Ihre Sprachkunst beeindruckt mich bis heute, seit 1969, als ich einen Ullstein-Band – Ezra Pound, Dichtung und Prosa – entdeckte. Für mich kann natürlich auch Prosa »Dichtung« sein, logo, aber egal. Das Taschenbuch enthält auch die Nachdichtung einer Nachdichtung: Eine Beowulf-Passage aus dem alten Englisch ins neue; Stabreimenergie, die ich nun in Eva Hesses Umformung erlebte. Ein seltenes Abenteuer von Klang und Sinn. Umwerfend. Und ein paar Seiten weiter höchst moderne und zugleich zeitresistente Verse wie L’Art 1910, In einer Station der Metro, Meditatio oder Portrait d’une femme. Pound hat ja schon als Junger Meisterwerke hinterlassen, wie sie berühmte Kollegen bis ins hohe Alter hinein nicht erreichten; qualitativ und quantitativ. Kurz: Eva Hesses Nachschöpfungen sind Ereignisse der deutschen Sprache, ihre intellektuelle Wachheit und wissenschaftliche Kompetenz auf vielen Gebieten, auch im Sozialen, auch im Politischen, ist staunenswert. Daß der Wahlmünchnerin bis heute keiner der großen Literaturpreise zugesprochen wurde, ist eine Schande und belegt die Geistferne und Muffigkeit des zwergdeutschen Kulturbetriebs, in der Pupillenkollegien von Altherrenriegen residieren, Akadämlichkeit, Atemfäule und Erbgrind. Die prämieren lieber Flattersatzlyrik, prosaische Trockenmilch, »war, war – hatte, hatte – sagte – entgegnete sie …« und zu Zöpfchen geflochtene Hirngichtknoten, bahx!

(13) Was reizt Sie an den Pound’schen Cantos?

Ihr Potenzial an Möglichkeiten. Ihr Hallraum für die Stimmen Toter und Lebender. Ihr – nicht immer gelungenes – Zusammenspiel der Formen in der Form. Wo aber diese Großgedichte nicht nur Namen und Historien aufreihen, sondern die Chancen einer Lyrik auf epischen Bahnen und die Dramaturgie komprimierter Dialoge nutzen, wie in den Pisaner Cantos, ist Staunen und Überraschung eins. Auch im Seit-wann und Woher von Erkenntnissen und Utopien, deren Produktivität eine Gesellschaft kapitaler Ignoranz zu verhindern weiß. – Der Canto für Ezra Pound ist mein poetisches Echo, das Einst im Hier und Jetzt, auch seins. Und eine Abweisung derer, die das von jeher Bedarfte gerade mal wieder als »neue Einfachheit« hochjubeln.

(14) Die formale Vielgestaltigkeit ist charakteristisch für die Sauwaldprosa. Trotzdem ettikettierte sie 1987 ein Verlag als »Roman« …

Irreführend, ja. Der kategorische Stümperativ »Entwicklungsroman« bringt auch nicht mehr Wirklichkeit ins Verständnis. Drum bleibts doch wohl besser bei Prosa, … vom lateinischen pro vorsa (= geradeaus gerichtet). Trotz taktischer Schleifen, rhetorischer Wirbel, mäandernder Interludien, aggressiver Katarakte …

(15) Doch man stößt da auch auf Gedichte!

Riffe für Paddler im Redewasser, Strudel für kurzatmige Legasthenokraten, jawohl. Denn der Bewußtseinsstrom entspringt ja nicht dem Bewußtsein, wie Mauthner darlegt und Brodskij demonstriert, sondern einem Wort, das unser Bewußtsein ändert oder umlenkt. Und da es die Sprache selbst ist, die singt und sagt (aber auch schweigend oder mehrdeutig operiert), bringt diese Affektsymphonie, die Sauwaldprosa, jähe Wechsel, vergrübelte Läufe, Bizzarien, Innversionen, Motivumkehrungen, Gedankensprünge, … auch manche unliebsame Überraschung, die Schlange unter den Blumen. Und in der Tiefendimension? … erweist sich der Sauwaldgranit reich an Konklaverzählungen, Gedichtkristallen, Phonolithen, mannigfaltig durchzogen von Bändern aus Flüsterquarz, nachtblauen Biotiten und Klüftungsgeheul, dem Chorus der Windwölfe.

(16) Und das Szenische hat eine ähnliche Funtkion?

Eine andere. Denn der geographische Sauwald ist bewohnt, wie das Innviertel, das sich seit 30 Jahren – »Inn Anfang ist das Wort« – zum Inniversum weitet. Der Reisende, der Sprache nah, den Menschen nah, gibt ihnen Stimme; bevorzugt jenen, die von den vermeintlich Normalen als Verrückte, Spinner, Sonderlinge … gemieden oder geächtet werden. Heimatglocken? Harmo- … niiiiie!

(17) Den geographischen Sauwald gibt es also wirklich?

Ja. Überprüfbar bis in die Ortsnamen und Gesteinsmorphologie. Aber, man beobachte: Der Inn nimmt bei Passau die Donau auf, umfängt das oberösterreichische Innviertel im Westen und im Norden, fließt 25 Kilometer unterhalb von Passau durch »Innzell« und zuletzt inns Schwarze Meer, also bis zum Kaukasus. Was Wunder, wenn ich seit 25 Jahren an der Save und an der Morava zu Hause bin?! Selbst Kakanien war und ist eine Innmonarchie. Und Elias Canetti, aus Rustschuk gebürtig, ein Innviertler. Er lachte herzlich und stimmte zu … während eines Besuchs bei ihm in Zürich.

(18) 1992 erschien Pochwasser. Eine Biographie ohne Ich. Ein Geschenk an die Theorie des Poststrukturalismus der 1980er Jahre, die mit Leidenschaft den Tod des Autors verkündete? Wohl kaum. Denn gerade hier ist viel über Ihren Weg ins Universum der Worte zu erfahren.

Ja. Das Dichten und Trachten der Sprache von Jugend auf. Dramen und Komödien des kreisenden Blutes im Pochgerinne. Die Mühle im Kopf, das Schädeltheater. Paranoische Ekstasen. Assoziationsjagden bis zum Kollaps. Pathologos? Aber auch: Menschenbilder statt Leutseligkeiten. Allusionen statt Illusionen. Widerständisches Leben, situativ gerafft. Epigrammatische cluster. Spiel und Verwandlung. Sprache statt Schreibe.

(19) Später haben Sie Pochwasser in die Sauwaldprosa integriert. Welche Funktion hat Pochwasser in der Gesamtkomposition?

Viele; vergleichbar den kompositorischen Problemen eines symphonischen Finalsatzes. Die (1991/92 vorweggenommene) Konklusion und Verdichtung aller klanglichen, visuellen und thematischen Leitmotive von SAU, WALD und PROSA. Ein multiformes Dokument. Bis das Ich, erstarkt in der Selbstbehauptung gegen die oft absurden und gewalttätigen Diktate der Gesellschaft, sich als ES erlebt, und, ein multiples Ego, hinüberbildert ins Andere (Stein, Pflanze, Tier und Mensch …); analog zu Jurij Oleschas Ruf: Es lebe die Welt ohne mich!

(20) Und die Verlage – Sie mußten ja etliche Male wechseln – tragen das kompositorische Konzept der Sauwaldprosa mit?

Nur ein Verleger, der geldigste und bornierteste, mit dem ich je zu tun hatte, verteidigte sein Was-ihr-wollt für die Buchhändler mit kunstfremden Argumenten und miesen Manieren. Seine Sprache physiognomiert ihn. Siehe: Sauwaldprosa, S. 450–474, »Schwamm oder Rüssel« – Portrait eines deutschen Übernehmers – Die Realsautire in Briefen. Diesem Kapitalen schickte ich nämlich bereits einen Drudenfuß, nachdem mir bekannt geworden war, wie schnöde sein Vorgänger, mein Editor und aufmerksamer Leser, aus dem Verlag hinausmerkantilisiert worden ist.

Die meisten Verleger – Arno Schmidt läßt grüßen! – verstehen nichts von Literatur. Und sie gleichen dieses Manko aus, indem sie auch nichts von Werbung, effektiveren Strategien des Vertriebs und des Buchverkaufs verstehen. So viel interdisziplinäre Unkenntnis ist phänomenal. Zwei, drei dieser Kulturkoofmichl – sprich: erfolgreiche Verleger – müßten es dem neuen Liberalismus schon wert sein, post mortem präpariert und im naturhistorischen Museum aufgestellt zu werden.

(21) Ihre letzten Bücher sind bei Residenz erschienen: 2001 die fünfte und bisher letzte Fortschrift der Sauwaldprosa. Im nächsten Jahr dann, anläßlich Ihres 60. Geburtstags, des blickes tagnacht, die gesammelten Gedichte aus den Jahren 1969 bis 2001 nebst CD. Vor wenigen Monaten wurde der Residenz Verlag ans Niederösterreichische Pressehaus St. Pölten verkauft. Ein Haus mit erzkatholischem Hintergrund. Wie wird es verlegerisch für Sie weitergehen?

Was weiß ich?! Vielleicht hat, während wir hier mutmaßen, der Präsident von Tonga einen kulturellen Anfall und verhandelt gerade mit dem Verlagseigner wegen einer heißen Übernahme? Im Absurden zuhause, schreckt mich kein Absurditäter. – Zur Zeit entsteht die sechste Fortschrift der Sauwaldprosa. Möglich, daß sie – wie Pochwasser, wie Der Jäger vom Knall oder wie der Monolog eines Radfahrers – zuerst als Einzelausgabe erscheint. Höchst wahrscheinlich in der ASKU-PRESSE, Bad Nauheim. Dort liegen mehrere meiner Atemwerke vor (inklusive CD, Hörbücher also). Neuauflagen, eine mit Bildern von Anton Christian, sind in Vorbereitung. Eine Probierauflage von Hinterdrux gab es 2003. Das ist Eine Agrar-Oper unter persönlicher Mitwirkung Gottes. – Das Saisongequakel der Wortgewerbetreibenden berührt Sven Uftring, den Chef der ASKU-PRESSE, so wenig, wie mich. Nicht nur typographisch hat er einiges im Kasten, wie seine Buchgestaltung zeigt. Und er weiß: Konzentrierte Sprache wünscht konzentrierte Leser. Auch unter meiner Maxime: Dichter schreiben denn je; auf daß er sich verdünnisiere, der Lesepöbel!

(22) In der Rezeption des Uwe Dick gibt es einen merkwürdigen Befund, der seit Jahren stabil zu sein scheint: Wo immer Sie auftreten und lesen, sind die Säle voll, oft überfüllt. Der Rundfunk hat diverse Sendungen mit Ihnen gemacht, zur Zeit entsteht eine Fernsehdokumentation über Sie. Aber das Feuilleton tut sich seit jeher schwer, Sie überhaupt zur Kenntnis zu nehmen – und auch die Buchhändler scheinen etwas ratlos.

Beliebt sind bei den vielen minderen Lesern (auch im Feuilleton) selbstverständlich Autoren minderen Rangs, Leute, die zuverlässig der Macht, Satz für Satz der Konvention erliegen. Da ich weder Billigtristik, noch Weltbewältigungslyrik à la »Fröstelnd unter den Masken des Wissens / Von Unerhörtem verstört / Traumlos am Tag unter zynischen Uhren …« liefere, läßt mich das Rezensier- und Feimerwesen unbehelligt. Ferner: Dem Börsenverein ist regal, was in einem Buch steht. Zumal die meisten Buchhändler sich in diesem Gewerbe nur betätigen, weil sie für den Gemüsehandel zu langsam, für den Wortschatz eines Jürgen von der Wense oder Melvin B. Tolson jedoch … zu schnell sind. Meine Sätzgen – egal ob der Prosa, dem Gedicht oder dem Theater zugeordnet – dringen auf die Radikalisierung des Augenblicks, auf zivilen Ungehorsam, auf die Optimierung des Denkens durch Witz. Der lacht: Die wenigsten kommen blöde zur Welt. Sie werdens dann nur. Aus Bequemlichkeit. Und a Quintessenz is a Essenz, de ma quint, wemma lang gnua nochdenggd.

Erschienen in VOLLTEXT – Zeitung für Literatur Nr. 5/2004.
Der Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung von VOLLTEXT.

* Hanne Knickmann, geboren 1966, ist freie Literaturwissenschaftlerin und Inhaberin des »Büros für Branchenkommunikation. Buch | Literatur | Wissenschaft« in Darmstadt. Das ungewöhnliche Engagement einer Schule, die Autoren einlud, noch bevor Lesungen in Mode kamen, führte vor über 20 Jahren zu der ersten Begegnung mit Uwe Dick.

** Gunther Nickel, geboren 1961, arbeitet als Lektor beim Deutschen Literaturfonds e.V. und lehrt als Privatdozent Neuere Deutsche Literaturgeschichte an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz. Er ist Mitherausgeber des Zuckmayer-Jahrbuchs und hat unter anderem Zuckmayers kürzlich bei dtv erschienenen Geheimreport ediert.

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